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| Klarblick, Herz und Zivilcourage haben viel bewirkt | |||||
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Marion Gräfin Dönhoff wurde in Dillingen mit dem Europäischen St. Ulrichs-Preis geehrt
Dillingen - Im goldenen Saal der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung hätte man eine Stecknadel fallen hören, als die rund 250 geladenen Gäste auf Marion Gräfin Dönhoff, die große Dame des Journalismus, warteten. Kurz nach 18.30 Uhr trafen sie ein: Oberbürgermeister Hans-Jürgen Weigl, Landrat Dr. Anton Dietrich, der bayerische Staatsminister Josef Miller und schließlich eine aparte weißhaarige Frau, die Charisma verströmt: Gräfin Dönhoff. "Dabei ist sie eine Adelige ohne adelige Arroganz und eine politische Autorität ohne politische Ideologie", so jedenfalls beschreibt Landrat Dr. Anton Dietrich die Gräfin in seiner Begrüßungsansprache. Doch nicht diesen menschlichen Charaktervorzügen hat diese beeindruckende Persönlichkeit die Auszeichnung mit dem Europäischen St. Ulrichs-Preis zu verdanken. Vielmehr sei es, so Dietrich, ihre Fähigkeit, die Bedeutung und Notwendigkeit der Versöhnung mit den östlichen Nachbarn den vielen zögernden Bürgern der Bundesrepublik auch zu verdeutlichen. Für ihr immerwährendes Engagement, das sich in ihren zeitkritischen und mit brillantem Verstand verfassten Artikeln widerspiegelt, wurde Marion Gräfin Dönhoff mit der Verleihung vieler Auszeichnungen immer wieder öffentlich geehrt. Darunter auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Dietrich ist der Ansicht, solch eine Persönlichkeit füge sich gut in die Reihe der Preisträger ein, die bisher an dieser Stelle ausgezeichnet wurden, darunter der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl, sowie der ehemalige Bundespräsident Dr. Roman Herzog. Altbundeskanzler Helmut Schmidt hatte die ehrenvolle Aufgabe, wie schon bei anderen Ehrungen, die Laudatio für Gräfin Dönhoff zu halten Wer den Bundeskanzler a.D. langsam und unter offensichtlich großen Anstrengungen hat gehen sehen, war erschrocken über das Befinden des 82-Jährigen. Doch als er am Rednerpult stand und mit seiner Laudatio begann, war nichts mehr von seiner Gebrechlichkeit zu spüren. Der hervorragende Rhetoriker verstand es, wie schon zu Amtszeiten, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. "Marion Gräfin Dönhoff liebte nie große Worte oder gebrauchte sie. Trotzdem hat sie in ihrer journalistischen Praxis immer den Kardinalstugenden, Klugheit und dem Maß gehorcht." Mit diesen Tugenden habe sie als Redakteurin, Chefredakteurin und später als Herausgeberin "Der Zeit" den Menschen, die ihre Artikel lesen, zu einem eigenen Urteil verholfen. "Mit Klarblick und Zivilcourage ist Marion Dönhoff als eine der Ersten für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie eingetreten", so Schmidt weiter. Sie stellte hier ihre Liebe zu ihrer Heimat Ostpreußens in einem Akt der Selbstüberwindung zurück, denn sie wusste, dies war die logische Konsequenz jahrhunderterlanger Kämpfe um diesen strategisch günstigen Landstrich. Nur wenn diese Streitigkeiten endgültig beigelegt sind, ist ein dauerhafter Friede möglich. Gegen viel Widerstand und eigene Heimatliebe hat die Ostpreußin diesen Standpunkt gegenüber jedem vertreten. Sie selbst sagte dazu einmal, auch in Bezug auf ihre großen Besitztümer, die sie verloren hatte ohne je darüber zu klagen: "Nichts kann uns von der Vergangenheit erlösen. Die Zukunft aber kann nur durch Aussöhnung gewonnen werden, nicht durch Abrechnung oder Rache." Marion Gräfin Dönhoff verfolge immer ihre eigenen Grundsätze und Ideale ohne sich zu kümmern, ob ihr Tun und Lassen Dank begegnen würde. Auch deshalb hat in den Augen des Altkanzlers die Gräfin den Ulrichs-Preis verdient verliehen bekommen. Wie zur Bekräftigung gab es hernach einen Handkuss für die Preisträgerin Rührung war der aristokratisch wirkenden Frau nicht anzumerken. Ihr Gesicht verriet nicht, was sie dachte. Auch nicht, als von der tragischen Vernichtung ihrer Freunde des Widerstandes im Dritten Reich berichtet wurde. Durch einen glücklichen Zufall blieb ihr dieses grausame Schicksal erspart. Als sie nun dort stand und zur Einführung auf die Anekdote zu sprechen kam, wie sie der Gestapo glaubhaft versicherte, nicht zu den Männern des Widerstandes zu gehören, fügte sie mit einem Schmunzeln hinzu: "Ich bin eine Frau, deshalb war das ja nicht gelogen." Sie berichtete von dieser Begebenheit, deren sprachliche Spitzfindigkeit ihr das Leben rettete, in einem Plauderton ohne rhetorische Finessen und mit einer offenen Selbstverständlichkeit, als würde sie vom Kaffeekränzchen mit Freundinnen erzählen. In ihrer Rede bemängelte die 92-Jährige, in unserem Jahrhundert stünden neben der Technik das Materielle und Kommerzielle so im Vordergrund, dass das Humane ganz ins Hintertreffen geraten sei. Nach einem Querschnitt durch die Geschichte, die von vielen intellektuellen Persönlichkeiten geprägt und gelenkt wurde, räumt sie selbst ein: "Die Europäisierung ist nach Überwindung vieler Hindernisse verhältnismäßig mühsam, aber stets gewachsen." Sie bedachte die Tatsache, dass für die meisten innereuropäischen Reisen kein Visum mehr benötigt wird und wir bald schon eine gemeinsame Währung in der Tasche haben werden. Außerdem hofft sie auch, Europa möge zu der Rolle zurückfinden, die es früher einmal hatte. Es sollen ihrer Meinung nach, wieder philosophische Dimensionen in politische Diskussionen und in die Vorstellungen, die unsere Welt prägen, Eingang finden. Die Rede von Marion Gräfin Dönhoff bekam viel Beifall und vereinzelt standen die Menschen auf, um dieser herausragenden Persönlichkeit ihren Respekt zu zollen. Als wollten sie das Gesagte der Gräfin unterstreichen, setzten sich zwei Tauben, Symbol des Frieden, an eines der Fenster des goldenen Saales während zum Ausklang der Zeremonie die Deutschlandhymne gesungen wurde. Erschienen Juni 2001 "Kurier am Sonntag" Dillingen |
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