Lebkuchen-Babys
Schon aufgefallen? Seit zwei Wochen gibt es wieder Lebkuchen. In allen Variationen liegen sie im Regal. Mit dunkler Schokolade, in einem leckeren Braun oder Zuckerguss sind sie mal talerförmig, mal als Herz oder Brezel zu haben. Manch einer regt sich auf, wenn er noch ganz auf Sommer, Grillpartys und Eiscrem eingestellt ist, in den Läden mit der Weihnachtszeit konfrontiert zu werden. Sonnencrem Kontra Lametta. Die Umstellung ist hart, zumal es laut Kalender immer noch vier Monate und sieben Tage bis zur Bescherung sind. Da an Weihnachten denken scheint tatsächlich weit hergeholt. Doch das täuscht. Denn auch Lebkuchen pflanzen sich fort.

Was jetzt zu sehen ist, ist nichts anderes als das Ergebnis einer schokoladigen Romanze unterm Weihnachtsbaum. Diese begann so, wie viele Liebesgeschichten beginnen. Bei einer lustigen Party auf dem Süßigkeitenteller der Familie. Zwischen Dominosteinen und Zimtsternen kam man sich bei weihnachtlichen Schmusesongs näher. Leider ende das ganze in einer jähen Katastrophe durch den Übergriff der Menschenkinder. Sie hatten noch immer nicht genug von Weihnachtsgebäck und machten sich über das leckere Naschwerk her: Einer nach dem anderen der Lebkuchenverwandtschaft starb eines tragischen Verzehrtodes. Das war natürlich sehr bedauerlich für Fräulein Elise und Herrn Nürnberger. So kamen sie in diesen harten Zeiten im Schein des Kaminfeuers näher. In der Hitze des Gefechts und natürlich auch des Ofens verschmolzen die Schokoladenkörper zu einem großen schwarzen Fladen. Die Konsequenz war: Die Kinder hatten sich schon an dem anderen Süßkram übergessen und ließen diesen nicht gerade lecker anmutenden Fladen liegen. Welch ein Glück für die künftige Lebkuchengeneration. So wuchs und gedeihte sie und neun Monate später ist es soweit: Sie kommen in der unromantischen Welt einer Fabrikhalle zur Welt. Die meisten lässt man auswachsen, es gibt aber solche, die schon als Babylebkuchen in ihr neues Heim ­ einen Pappkarton ­ gesteckt werden. Danach geht es für sie hinaus in die große Welt der Kaufhäuser.

Das ist gut so. Man stelle sich vor, das winterliche Naschwerk ginge erst zur eigentlichen Weihnachtszeit in die Verkaufsregale, dann wären die Lebkuchen vom Aussterben bedroht. Schließlich hätten die Menschen noch eine große Vorfreude daran und würden sich voller Heißhunger darauf stürzen und die Lebkuchen restlos aufessen. Sie würden aussterben. Dann bliebe einem nichts anderes übrig, als schon im September mit den Osterhasenverzehr zu beginnen, der jetzt in der ersten Januarwoche liegt. Wo bitte bleibt da die Vorfreude?

Erschienen September 2003 in der Unterallgäu Rundschau